Symbolbild Säkularisierung
Meinungsbeitrag zu SRF-Artikel

Säkularisierung als Kampfbegriff

Hach, es könnte alles so schön sein! Wenn nur diese Säkularisierung nicht wäre. Dann würden die moderaten Landeskirchen nicht so viele Mitglieder verlieren, dann wäre die Gefahr der Polarisierung gebannt und auch die Extremen würden nicht wachsen. Man wird geradezu nostalgisch beim Lesen des unten verlinkten Artikels und ertappt sich dabei, den guten alten Zeiten hinterher zu trauern. Doch halt! Der Realitätscheck wirkt wie kaltes Wasser im Gesicht und vertreibt die Träumereien. 

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Von Christine Schliesser

Drei kurze kalte Duschen scheinen hier angebracht.

1. Säkularisierung ist ein «Kampfbegriff» (Hans Joas).

Wir sollten uns als erstes die so genannte Säkularisierungsthese etwas genauer anschauen. Diese These hat nie einfach besagt, dass es Säkularisierung gibt. Vielmehr geht es in ihr darum zu erklären, warum Religion zurückgeht. Je moderner eine Gesellschaft, desto säkularer wird sie, so der behauptete kausale Zusammenhang. Mittlerweile hat sich allerdings gezeigt, dass sich dieser Zusammenhang ausserhalb Europas kaum empirisch halten lässt. Es gilt daher genau zu unterscheiden zwischen wertfreien Thesen über empirisch belegbare Tendenzen und Mitteln im Meinungskampf. Die Säkularisierung ist ein «Kampfbegriff» und muss als solcher entlarvt werden. Es gilt, «die Tatsachen heutiger Säkularisierung in unseren Breiten illusionslos ins Auge zu fassen, sie aber in einen historischen und globalen Rahmen zu setzen und damit von den Selbsteinschüchterungswirkungen offener und verdeckter Untergangsprophetien zu befreien» (Hans Joas). Die Zukunft von Kirche folgt also nicht dem «Klang der Unausweichlichkeit», um den Dystopieklassiker Matrix zu bemühen, sondern liegt auch ganz wesentlich in unserer eigenen Hand.

Die Zukunft von Kirche folgt also nicht dem «Klang der Unausweichlichkeit», [...] sondern liegt auch ganz wesentlich in unserer eigenen Hand.

2. Was bitte ist ein «moderates Christentum»?

Ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung, was eine «Religion der Mitte» sein könnte. Nicht zu süss und nicht zu salzig – also geschmacksneutral? Nicht schwarz und nicht weiss – also grau? Wenn wir die Gründungsurkunde des Christentums, also das Neue Testament anschauen, lässt sich so eine Religion nicht finden. Ganz im Gegenteil, den Jesusgläubigen wurde aufgetragen, das Salz in der Suppe zu sein, das Licht in der Finsternis. Die frühe Kirche sollte Botschafterin einer radikalen Hoffnung sein, die jeden Vorstellungshorizont sprengt. In einer männerdominierten Gesellschaft wurden Frauen mit einbezogen. In einer Unterdrückungswelt wurden Sklaven mit Herren an einen Tisch gesetzt. Wo Gewalt zur Tagesordnung gehörte, wurde Liebe gepredigt. Diese Religion war alles andere als «moderat». 

3. Der dargestellte Gegensatz von Extrem und Moderat schafft selbst Polarisierungen.

Die schlichte Gegenüberstellung von «moderaten Landeskirchen» hier und «evangelikalen Freikirchen» dort, ist nicht nur empirisch unhaltbar, sondern trägt selbst zu der beklagten Polarisierung bei. Empirisch unhaltbar, weil in diesem Dualismus kein Platz ist für Phänomene wie der innerhalb der letzten fünf Jahre um 87% gestiegene Bibelverkauf und ein um 50% angestiegener Gottesdienstbesuch vor allem unter der Generation Z in Grossbritannien. Nota bene: Wir reden hier von der anglikanischen Kirche und nicht von «radikalen Rändern». Polarisierend, weil hier das sogenannte «Othering», frei übersetzt «Ausgrenzung»,  vom Feinsten betrieben wird. «Wir hier», «die dort». Selbstverständlich stehen «wir» auf der richtigen Seite. Und da wir mit der Säkularisierung bereits die Hauptverantwortliche für diese Prozesse identifiziert haben, befreit uns dies zugleich von aller lästigen Selbstkritik. Wie praktisch. 

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Prof. Dr. Christine Schliesser

Christine Schliesser verantwortet die theologische Grundlagenarbeit bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso). Sie ist Titularprofessorin für Systematische Theologie an der Universität Zürich.

Kommentare

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Konrad Zimmermann

27.01.2026

Liebe Christine Schliesser!
Spannend, danke!

Ich habe mich auch gerade kürzlich schlau gemacht, welche Erklärungen für die fortschreitende Säkularisierung seit 1528 ins Feld geführt werden!

Hier eine Auslegeordnung.

Es gibt 4 Säkularisierungshypothesen:

1 der Mensch wird immer individueller - aber auch das Individuum könnte die Gemeinschaft suchen !? Siehe Gemeinschaften, Vereine und Freikirchen...

2 das Angebot wird immer vielfältiger: Sufimystik, Yoga, Esoterik, Buddhismus, Schamanismus - was ist aber mit der Jugend? Den Alten?

3 der reformierte Glaube tendiert auf Säkularisierung, Verstand, Autonomie - und schafft sich dadurch selbst ab.....

4 die Entzauberung der Welt schreitet technologisch und naturwissenschaftlich voran. Die Gesellschaft wird seelisch ärmer - trotzdem könnte das Bedürfnis nach Poesie, Dramaturgie, Verzauberung, Liturgie, sozialer Kunst, Gemeinschaft, Sakramenten, ethischer und mystischer Verortung wieder wachsen....

Es gibt also 4 Arbeitsfelder für uns:

Individuum

Andere Religionen und Konfessionen

Gestaltwissenschaft und Psychologie

Dramaturgie und Liturgie und Rhetorik

Deshalb:

- ein Reformationskongress 2028 !

Mfg Konrad Zimmermann

Christine Schliesser

03.02.2026

Lieber Konrad Zimmermann
Vielen Dank für Ihre Auslegeordnung zu den vier Säkularisierungshypothesen. Mit Hans Joas könnte man zusätzlich noch die "politische Soziologie der Religion" als Alternative zur Erklärung von Säkularisierung aus Modernisierung anfügen.
Danke auch für Ihre Idee eines Reformationskongresses 2028! Im Rahmen des Reformationsjubiläums sind bereits einige spannende Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen geplant, die sicher auch das hier Diskutierte berühren werden.
Freundliche Grüsse
Christine Schliesser

Matthias Barth

28.01.2026

Der kurze SRF-Artikel bezieht sich ja auf ein längeres Interview mit dem Religionssoziologen Detlef Pollack. Die Hauptthese seiner neuesten Studie: Dass die zurückgehende Religiosität nicht vollumfänglich mit Spiritualität kompensiert wird. Ob man den empirisch belegbaren Rückgang der Religiosität und der Kirchenmitgliedschaften nun Säkularisierung nennt oder nicht – spannender wäre die Diskussion über die Ursachen des Phänomens. Meine These: Viel zu lange haben die Kirchen – explizit oder implizit – an der Unabänderlichkeit historisch entstandener und mit einem mittelalterlichen Weltbild verbundener Glaubenswahrheiten festgehalten. Damit haben sie das Weltverständnis vieler Menschen unserer Zeit ignoriert. Insbesondere haben sie es versäumt, dem traditionellen, theistischen Glaubensverständnis des Christentums ein nicht- oder posttheistisches gegenüberzustellen. – Könnte das bevorstehende Reformationsjubiläum nicht Anlass sein, einer theologischen Neuorientierung Raum zu schaffen? Und die Reformatoren nicht nur rhetorisch hochleben zu lassen, sondern ihrem Beispiel zu folgen, alte theologische Zöpfe in Frage zu stellen und wenn nötig abzuschneiden.

Konrad Zimmermann

02.02.2026

Sehr geehrter Herr Barth
Vielen Dank für Ihren Input!
Meine Gedanken gehen ganz in eine ähnliche Richtung!
Ich habe das Interview mit Detlef Pollack auch gelesen.
Wie sehr würde ich mir einen BERNER Reformationskongress 2028 wünschen, statt nur ein Jubiläum! Ich habe schon Ideen dazu....
Ich spreche aber - mit Hans Küng - lieber von Nachmoderne als von Postmoderne. Die Zeit der Avantgarde, die zur Zeit des "kalten" Krieges ihren Sinn hatte, ist mit dem "heissen" Ukrainekrieg endgültig vorbei!
Es geht nun um eine gediegene Neuordnung der Verhältnisse um Medien, Kirchen, Staaten....
Der Weg für die christliche Theologie müsste "historisch- kritisch- positiv- ökumenisch" ausgerichtet sein.
Meines Erachtens steckt die reformierte Theologie zur Zeit meist noch im 19. Jahrhundert fest, mit Schleiermacher, Hegel, Marx, Feuerbach, Kierkegaard, Nietzsche...
Man müsste m.E. dringend die grossen Theologen des 20. Jahrhunderts, die das "fin de siècle" um 1900 voll erlebt und analysiert haben wie Albert Schweitzer, Paul Tillich, Karl Barth, Friedrich Eymann und Hans Küng einbeziehen, darstellen, ihre Ergebnisse kritisch diskutieren. Das gilt es zu tun auf Ebene der historischen, systematischen, kirchlichen und ökumenischen Theologie!
Philosophie, Pädagogik und Psychologie kommen dazu. Freud und Jung und Fromm und Gebser. Dann Liturgie und Methodik.
Da gäbe es viel zu tun. Bildung, Schule, Kirche, Medien, Konfessionen, Bekenntnisse würden dadurch wieder attraktiver!

Machen Sie mit?
:;-)

MfG
Konrad Zimmermann, Synodaler

Christine Schliesser

03.02.2026

Lieber Matthias Barth
Vielen Dank für Ihre Überlegungen. In der Tat: Die Diskussion über die Ursachen des Phänomens wäre das eigentlich Spannende hier. Es wird in unserer pluralistischen Gesellschaft offenbar zunehmend unklar, was der USP, also das Alleinstellungsmerkmal von Kirche ist. Vereinfacht gefragt: Was zeichnet Kirche aus, das nicht in gleicher Weise (oder besser) von anderen zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren eingebracht werden kann?
Danke für Ihr Mitdenken an diesen zentralen Fragestellungen!
Freundliche Grüsse
Christine Schliesser

Markus André Klopfenstein

17.02.2026

Ein sehr differenzierter & wertvoller Meinungsbeitrag. Herzlichen Dank!