Idylle Bauernhof? Wenn der Alltag zur Belastung wird
Wenn Menschen in der Landwirtschaft Probleme wälzen, benötigen sie Ansprechpersonen, die ihre spezifische Lage verstehen. Dies bieten verschiedene Angebote: das Bäuerliche Sorgentelefon und die Plattform «Hilfe & Unterstützung».
Wer melkt die Kühe, wenn der Bauer verunfallt? Was tun, wenn einer Bäuerin die Arbeit über den Kopf wächst? Der Rat, ans Meer zu fahren, ist leicht gesagt. Zwar könne man auch in der Landwirtschaft Ferien machen, sagt Gabi Schürch-Wyss, Vizepräsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands (SBLV). Doch spontan gehe das nicht, nicht einmal für ein verlängertes Wochenende.
Es gibt Betriebshilfen, die man anfordern kann, allerdings ist das Angebot eher knapp. Zudem braucht es eine seriöse Instruktion für moderne technische Gerätschaften. «Ein moderner Traktor ist ein Hightech-Fahrzeug und eine Biogasanlage muss man zu bedienen wissen.»
Menschen in der Landwirtschaft wird nachgesagt, sie trügen ihr Herz nicht auf der Zunge. Die SBLV-Vizepräsidentin sieht das Problem nicht nur dort: Bei allgemeinen Beratungsstellen würden die Besonderheiten der Landwirtschaft oft zu wenig verstanden.
Das Bäuerliche Sorgentelefon ist deshalb wichtig. «Dort spricht man die gleiche Sprache und kennt die Lebenswirklichkeit», sagt Gabi Schürch-Wyss. Die Anrufer:innen fühlten sich verstanden. Der SBLV bietet mit der Plattform «Hilfe & Unterstützung» Informationen zum breiten Unterstützungsangebot. Das Sorgentelefon ist eines der spezialisierten Angebote innerhalb dieses Netzwerks.
«Mit der Gotthelf’schen Gemächlichkeit ist es längst vorbei»
Gotthelf und Gottvertrauen
Verfügen Bäuerinnen und Bauern über ein grösseres Gottvertrauen als die Durchschnittsbevölkerung? «Das kann man nicht so pauschal sagen», findet Gabi Schürch-Wyss. «Sicher macht die Abhängigkeit von der Natur demütig.»
«Mit der Gotthelf’schen Gemächlichkeit ist es längst vorbei», sagt Pfarrer Andri Kober vom Vorstand des Sorgentelefons. «Die Mechanisierung hat die Landwirtschaft hektischer gemacht.» Zumal immer mehr Arbeit am Computer anfalle. Manchen Menschen helfe es, den Tag Gott im Gebet hinzulegen oder ihre Gedanken einem Tagebuch anzuvertrauen.
Einsamkeit auf dem Hof
Etwa 50’000 Bauernbetriebe gibt es in der Schweiz, jeder fünfte davon im Kanton Bern. Oft liegen sie ausserhalb der Dörfer. Auch wenn viele Landwirt:innen in Vereinen aktiv sind oder sich sozial engagieren, fehlt auf einem Bauernhof oft das kollegiale Geflecht, wie es in anderen Arbeitsumfeldern üblich ist.
Wenn Überlastete auf ein Burnout zusteuern, kann ein Besuch von aussen hilfreich sein. Gabi Schürch-Wyss erwähnt das Projekt Burnout 2.0, das mit der FH OST entwickelt wird. Es gehe darum, Menschen zu sensibilisieren, die beruflich Bauernhöfe aufsuchen, damit sie Hinweise auf Überlastung früh zu erkennen – zum Beispiel ein Nachlassen bei der Tierpflege oder ein gereizter Umgangston.
«Die Tierärztin ist zwar meist in Eile, und der Futtermittelvertreter ist kein Psychologe», sagt die SBLV-Vizepräsidentin. «Dennoch können sie die Menschen in der Landwirtschaft behutsam auf ihre Beobachtungen ansprechen und ihnen ein Kärtchen mit Kontaktdaten von verschiedenen Anlaufstellen überreichen.»
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