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Interview mit Tom Bögli

Zwischen Bildschirm und Begegnung: Wie KI Einsamkeit beeinflusst

Digitale Vernetzung war noch nie so einfach – und doch fühlen sich viele Menschen einsam. Sozialberater und Coach Tom Bögli erklärt im Interview, warum echte Beziehungen für unsere psychische Gesundheit unverzichtbar sind, welche Chancen künstliche Intelligenz bieten kann – und wo sie menschliche Nähe nicht ersetzen sollte.

Von Caroline Rediger

Du engagierst Dich schon lange für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Kannst du uns die wichtigsten Stationen Deines Berufswegs nennen?

Meine Arbeit mit Menschen mit psychischer Beeinträchtigung begann in Biel. Dort habe ich in der beruflichen Integration gearbeitet, in Wohnheimen und im psychischen Ambulatorium des Spitals Biel. Sehr wichtig war mein Engagement bei Pro Mente Sana, während sieben Jahren als Leiter des Beratungsdienstes. In dieser Zeit sensibilisierten wir mit dem Projekt «Mental health at work» Führungskräfte und Mitarbeitende in verschiedenen Unternehmen für dieses Thema.

Während Covid war ich bei der Selbsthilfe im Kanton Bern angestellt. Vor einigen Jahren kehrte sich das Verhältnis von somatischen (körperlichen) zu psychischen Problemen um: seither betreffen zwei Drittel der Anfragen psychische Themen. Seit drei Jahren bin ich bei der Swisscom in der Sozialberatung tätig. Hier werde ich mit allen Herausforderungen des Lebens konfrontiert, vor allem auch mit psychischen Problemen. Nebenbei bin ich als lösungsorientierter Berater und Kursleiter selbständig.

Wir sind zwar digital besser und schneller erreichbar, aber wir sind genauso rasch wieder weg.

Wir sind heute digital besser vernetzt denn je. Warum fühlen sich trotzdem viele Menschen einsam?

Wir sind zwar digital besser und schneller erreichbar, aber wir sind genauso rasch wieder weg. Bei dieser Unverbindlichkeit und der fehlenden Verlässlichkeit der digitalen Kontakte fehlt eine wesentliche Qualität: eine echte Verbindung, der leibhaftige Austausch. Man spricht mit einem Gerät und nicht mit einem Menschen. Das gibt bereits eine Distanz, die noch verstärkt wird, durch die Masse der Kontakte. Statt wie früher sieben oder acht Freunde, sind es heute 500, die man aber gar nicht alle richtig kennt. Es sind keine nachhaltigen Beziehungen.

Welche Bedeutung haben Beziehungen für die psychische Gesundheit – und was passiert, wenn sie fehlen?

Biologisch gesehen ist der Mensch ein Herdentier. Er lebt vom Austausch und entwickelt sich dadurch weiter. Wenn das nicht gegeben ist, steigt das Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln. Fehlende Beziehungen und Einsamkeit liegen vielen psychischen Erkrankungen zugrunde und erhöhen das Risiko für Depressionen oder Alzheimer.

Wie könnten technologische Entwicklungen wie KI dazu beitragen, Einsamkeit zu verringern?

Wo KI als Vermittler fungiert, Hemmschwellen senkt und so Leute zusammenbringt und für physische Begegnungen sorgt, ist sie sinnvoll. Es gibt Apps, die zeigen, wo die eigenen Freunde und Kolleginnen unterwegs sind. Das kann einen dazu bringen, sich auf den Weg zu machen und sie zu treffen.

Bei der Betreuung durch Roboter muss man differenzieren. Westeuropäer sind da noch sehr skeptisch. Japaner und Chinesen sind dafür deutlich affiner. Wenn jemand damit zufrieden ist, kann eine Roboter-KI vielleicht Einsamkeitsgefühle mindern. Das schliesse ich nicht aus. Aber ich denke, bei uns wird das für den überwiegenden Teil der Gesellschaft eher nicht funktionieren.

KI ist ständig auf Knopfdruck verfügbar. Sie scheint deshalb verlässlicher, geht wertschätzend mit einem um und kritisiert nicht.

Besteht die Gefahr, dass technische Lösungen menschliche Beziehungen ersetzen und Einsamkeit dadurch verstärkt wird?

KI ist ständig auf Knopfdruck verfügbar. Sie scheint deshalb verlässlicher, geht wertschätzend mit einem um und kritisiert nicht. So schafft KI eine Art «Wohlfühl-Watte-Bubble». Weil Menschen diese konfliktfreien Kontakte bevorzugen und verlernen, mit echten Begegnungen umzugehen, kann dies die Isolation verstärken.

Menschliche Probleme sind aber meistens individuell und komplex. Häufig braucht es unkonventionelle Lösungen und eine gute lokale Vernetzung, um die richtigen Hilfsangebote aus der Umgebung anzubieten.

KI soll künftig auch in der Sozialberatung eingesetzt werden. Wo siehst du sinnvolle Einsatzmöglichkeiten dafür? Und was gibt dir zu denken?

Das kommt stark auf die Entwicklung von KI an: Wenn sie sich mit korrekten ethischen Daten weiterentwickelt und zuverlässiger wird, dann kann KI wohl standardisierte Prozesse z.B. in der Administration übernehmen. Solche Tools werden für die Aktenführung schon eingesetzt. Oder als first level Support, könnte KI in der Suizidprävention eingesetzt werden, z.B. wenn alle Linien bei telefonischen Beratungsdiensten besetzt sind, es jedoch wichtig ist, dass sofort eine Stimme antwortet, um die Menschen in der Leitung zu halten. Ist sicher eine gewagte Fantasie.

Menschliche Probleme sind aber meistens individuell und komplex. Häufig braucht es unkonventionelle Lösungen und eine gute lokale Vernetzung, um die richtigen Hilfsangebote aus der Umgebung anzubieten. Ich bin sehr skeptisch, ob eine KI das übernehmen kann.

Hast du einen Tipp für Menschen, die sich einsam fühlen aber vielleicht zögern, Hilfe oder Kontakt zu suchen?

Mit anderen sprechen! Beispielsweise mit der Dargebotenen Hand. Oder die eigenen Gedanken aufschreiben und sie jemandem senden. Oder Mini-Konversationen starten: im Bus jemanden ansprechen und einfach 2-3 Sätze sagen, in ein Café gehen und mit der Bedienung sprechen - vielleicht ergibt sich ein Gespräch mit einem anderen Gast.

Was bewegt dich dazu, ENSA-Kurse zu leiten?

Die Vielfalt von Menschen, die diese Kurse besuchen gefällt mir. Der Mix von Profis, Angehörigen, Betroffenen, Fachpersonen und Menschen, die mit dem Thema psychische Gesundheit noch gar nie in Berührung kamen. 
Viele Teilnehmende sagen, die ensa-Kurse sollten Pflicht werden, wie ein Nothelferkurs. Dazu einen Beitrag zu leisten, ergibt für mich Sinn und erfüllt mich mit Freude.

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