Gemeinschaft als Ressource – und Herausforderung: Psychische Gesundheit auf dem Land
Das Leben auf dem Land bietet Nähe, Gemeinschaft und Natur – wichtige Ressourcen für die psychische Gesundheit. Doch wo man sich kennt, wird Veränderung schnell sichtbar, und Schwäche zu zeigen fällt nicht immer leicht. Esther Schläppi spricht über Chancen und Hürden im ländlichen Raum und darüber, was Menschen stärkt und aufblühen lässt.
Menschen zum Blühen bringen fasziniert mich.
Welche Stationen haben deinen beruflichen Werdegang geprägt?
Die Gesundheit im ganzheitlichen Sinn ist der rote Faden in meinem Lebenslauf. Schon früh war ich mitbetroffen davon, dass Menschen in meinem Umfeld körperliche, psychische oder soziale Herausforderungen in ihrem Leben erfahren haben. Mein erster Beruf ist Pflegefachfrau, mein zweiter Sozialarbeiterin. Später folgten Aus- und Weiterbildungen z.B. zur Supervisorin und Coach. Heute arbeite ich als Beraterin und Erwachsenenbildnerin. Ob beratend oder bildenden, verstehe ich mich als «Wegbegleiterin» von Menschen. Ich bin fasziniert von blühenden Blumen in der Natur und freue mich auch, wenn ich miterleben darf, wie Menschen aufblühen.
Du arbeitest häufig mit Menschen aus dem ländlichen Raum – was zeichnet diesen aus deiner Sicht besonders aus?
Auf dem Land ist noch mehr Überblick da, ein gewisser Gemeinschaftssinn: man fühlt sich als Teil eines Dorfes, eines Vereins, einer Kirche und unterstützt sich in der Nachbarschaft. Die meisten sind irgendwo eingebunden, man kennt sich, grüsst sich, nimmt einander eher wahr ist dabei aber auch unter grösserer sozialer Kontrolle.
Kann man den Umgang der Landbevölkerung mit psychischen Problemen charakterisieren?
Ich denke der Unterschied zur Stadt liegt im Beziehungsnetz und wie dieses wirkt. Dunbar (Psychologe) sagte einst: Wir haben die innersten Beziehungen, dann Freunde, Bekannte und das Dorf. Im Dorf gibt es die Bekannten, die losen Kontakte. Man rutscht weniger schnell in die Anonymität ab. Veränderungen werden auf dem Land eher wahrgenommen.
Studien zeigen: Stadtbewohner:innen haben ein deutlich höheres Risiko für stressbedingte Erkrankungen. Ist das Landleben also psychisch gesünder?
Es gibt verschiedene Ressourcenpools, die Menschen brauchen, um psychisch gesund zu bleiben: Beziehungen, die Natur, Kultur und Spiritualität. Auf dem Land ist all dies vorhanden. Sogenannte «Weak Tease» - Kurzkontakte, kleine Begegnungen - sind für das psychische Wohlbefinden nicht zu unterschätzen. Diese Begegnungen finden im Dorf täglich statt: Man grüsst sich auf der Post, wechselt ein paar Worte beim Spaziergang mit dem Hund etc.
Sicher sind auch die tiefere Lärmbelastung und die geringere Reizüberflutung wichtige Aspekte. Umgeben von der Natur, kommt man eher zur Ruhe.
Gibt es auch Hürden im Umgang mit psychischen Problemen, die auf dem Land höher sind als in der Stadt?
Rollenbilder und Erwartungshaltungen haften länger. Eine Person, die immer am Stammtisch sass und jetzt nicht mehr kommt oder jemand, der während einer Krise eine Fremdbetreuung der Kinder brauchte, das fällt sofort auf. Auf dem Land kann es schwieriger sein, die Rolle zu wechseln. Auch ist Selbststigmatisierung ein grosses Thema, denn etwas das man selbst als Mangel wahrnimmt, will man als Privatsache bei sich behalten. Und da, wo man sich kennt, möchte man ungern Schwäche zeigen.
Im ländlichen Raum gibt es weniger Hilfsangebote. Die Wege zu Selbsthilfegruppen und Tagestätten sind länger. Weiter ist die Auswahl an Hausärzten und -ärztinnen sowie Beratungsangeboten oft kleiner. Im psychischen Bereich ist es noch wichtiger als im physischen, dass es zwischen dem Beratenden und dem Gegenüber «matcht» und ein vertrauensvoller Austausch möglich ist. Es ist wichtig, die Menschen zu ermutigen, auch einen weiteren Weg auf sich zu nehmen, um Hilfe zu erhalten. Ein Anliegen bezogen auf ländliche Gebiete ist, dass mehr Treffpunkte für Betroffene geschaffen werden.
Hast du eine Veränderung über Zeit festgestellt?
Früher war die Schambehaftung zu diesem Thema viel grösser. Heute werden psychische Probleme offen in den Medien thematisiert und immer mehr Menschen, ob in der Stadt oder auf dem Land, haben eigene Erfahrungen und Zugänge dazu.
Eine grosse Chance für ländliche Gebiete sind Mobiltelefonie und Internet, Errungenschaften, die das Hilfe suchen und Unterstützung finden einfacher machen. Auch die digitale Unterstützung in Chats, etc. bieten Hilfe.
Welche Rolle spielen ensa-Kurse im kirchlichen Kontext?
Die Kirche geniesst noch immer einen gewissen Vertrauensbonus in der Landbevölkerung - auch wenn man den Gottesdienst nicht immer besucht.
Kirchliche Angebote werden eher wahr- und ernstgenommen, die Kirche ist vernetzt, hat Gefässe der Gemeinschaft und ist bekannt dafür, dass sie Lebenswege begleitet. Zudem gibt es in vielen Kirchgemeinden Kerngruppen, die sich bereits mit der Thematik auseinandersetzen. Da können wir mit den ensa-Kursen direkt anknüpfen.
Im kirchlichen Kontext über psychische Belastungen zu sprechen ist daher ein wichtiges Signal und eine grosse Chance.
Ich habe viel gelernt durch die Begleitung von Menschen in Situationen der Schwäche.
Was motiviert dich persönlich, diese Kurse zu leiten?
Ich trage gerne dazu bei, Ängste in Bezug auf psychische Gesundheit abzubauen, Menschen zu ermöglichen, dafür Worte zu finden und sich auszutauschen. Die Konfrontation mit Krankheit ist auch immer Konfrontation mit Verletzlichkeit und Schwachheit. Mit Menschen dies mitzuerleben und zu ertragen, fordert uns heraus, kann uns aber auch bereichern. Wenn ich Schwäche zulassen kann in meinem eigenen Leben, bin ich offener für die der anderen. - Immer wieder mitzuerleben, wie Menschen gesunden und aufblühen, das motiviert mich.
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