«Schluss mit Sünde» – Ein Gespräch mit Klaas Huizing
Anlässlich der theologischen Fachtagung vom 4. und 5. Mai im Haus der Kirche sprach der evangelische Theologe, Philosoph und Schriftsteller Klaas Huizing über sein Buch «Schluss mit Sünde». Im Gespräch erzählt er von seiner streng calvinistischen Kindheit, hinterfragt klassische Vorstellungen von Schuld und Sünde und wirbt für eine Theologie, die Menschen nicht kleinmacht, sondern zur Veränderung ermutigt.
Herr Huizing, warum heisst Ihr Gespenst Sonntag?
Ich bin in einer streng calvinistischen Familie aufgewachsen. Der Sonntag war vollständig durchreglementiert: zwei Gottesdienste, kaum Freizeit, kein Sport, kein Schwimmen. Erlaubt war eigentlich nur Lesen – das hat mich geprägt, ich bin ein leidenschaftlicher Leser geworden. Aber dieses Gefühl von Enge und Pflicht hat mich lange begleitet.
Heute lebe ich viel in Berlin, und dort ist der Sonntag für mich kein Gespenst mehr – weil ich ihn gar nicht mehr spüre. Es gibt die «Spätis», die bis abends geöffnet haben, wo man etwas zu trinken oder zu essen bekommt. Gleichzeitig merke ich: Diese Prägung sitzt noch immer tief. Ich habe sie nie ganz abgelegt.
Klaas Huizing im Gespräch.
In Ihrem Buch kritisieren Sie die klassische Sündentheologie. Was genau stört Sie daran?
Der Sündenbegriff wurde oft als eine Art «Kleinmach-Vokabel» benutzt. Man sagt: Wir sind alle Sünder, auch du, und kommen da nicht heraus. Das erzeugt Schuldgefühle und hält Menschen fest. Ich habe mich deshalb gefragt, ob die biblischen Texte nicht auch andere Wege zeigen, den Menschen zu verstehen.
Was haben Sie dort entdeckt?
Die Geschichte von Kain und Abel ist für mich zentral. Dort sagt Gott nicht: Du bist schlecht. Sondern: Du hast ein Problem – und du kannst daran arbeiten. «Die Sünde liegt vor der Tür, du aber sollst über sie herrschen.» Das ist ein ganz anderes Modell: Der Mensch ist nicht ausgeliefert, sondern handlungsfähig. Er kann sich verändern.
Der Mensch ist nicht ausgeliefert, sondern handlungsfähig.
Inwiefern unterscheidet sich das von der klassischen protestantischen Lehre?
Dort wurde oft betont, dass der Mensch gar nicht anders kann, als zu sündigen. In der Kain-und-Abel-Geschichte zeigt sich aber eher eine Art Tugendethik: Es geht um Charakterbildung, um Lernen. Diese Perspektive gehört zur sogenannten Weisheitstradition der Bibel. Sie wurde lange vernachlässigt, weil man sich stärker an der prophetischen Tradition orientiert hat, die zuspitzt und warnt. Die Weisheit hingegen ist kompromissfähiger, sie sucht nach Wegen.
Sie unterscheiden stark zwischen Schuld und Scham. Warum?
Weil Schuld oft nichts verändert. Man kann sich schuldig fühlen und trotzdem weitermachen wie bisher. Scham geht tiefer – sie betrifft den ganzen Menschen und kann wirklich etwas in Bewegung bringen. Ich würde sogar sagen: Sünde ist oft die Verschiebung von Scham in Schuld. Das heißt, ich lasse mich nicht mehr hinterfragen. Dann bleibe ich in meiner eigenen Sicht gefangen.
Was heißt das für Menschen, die lange mit Schuldgefühlen leben?
Schuld und Scham haben eine unterschiedliche zeitliche Dynamik. Scham ist schnell und intensiv, Schuld kann sich über Jahre hinziehen, ohne dass sich etwas ändert. Deshalb würde ich sagen: Es ist sinnvoller, Scham als Chance zu sehen – als Anstoss, etwas im eigenen Leben zu verändern.
Und vielleicht liegt genau darin eine hilfreiche Perspektive: nicht in der dauernden Selbstanklage zu bleiben, sondern beweglich zu bleiben, sich hinterfragen zu lassen – und so Schritt für Schritt anders zu handeln.
Prof. Dr. Dr. Klaas Huizing
Evangelischer Theologe, Philosoph und Schriftsteller. Er lehrt seit 1995 Systematische Theologie in Würzburg. Aufgewachsen in einem streng calvinistischen Umfeld, studierte er Philosophie und Theologie und promovierte sowie habilitierte sich in diesem Bereich. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit wurde er auch als Autor bekannt. Seine Themen reichen von Ethik und Bibelauslegung bis zu Fragen des menschlichen Lebens im Alltag.
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