Dem Tod seinen Stachel lassen
Ich hatte mir manchmal vorgestellt, dass eines Tages die Polizei vor meiner Tür stehen und mir sagen würde, mein Vater sei tot. Als es tatsächlich geschah, war ich mit meinen Kindern allein zu Hause. Seit vier Jahren hatten mein Vater und ich keinen Kontakt mehr. Unsere Beziehung war schwierig gewesen. Sein Tod machte sie nicht einfacher.
Meine erste Frage war, ob er sich das Leben genommen hatte. Nein. Er war verhungert.
Ich wollte ihn unbedingt noch sehen. Als ich schliesslich vor ihm stand, erkannte ich ihn nicht wieder.
Seine Wohnung war völlig verwahrlost. Überall stapelten sich Gegenstände und Gerümpel. Es lag so viel Munition herum, dass die Polizei sogar das Sprengstoffkommando aufgeboten hatte. Mein Vater war allein gestorben.
Am Geburtstag meines Grossvaters war ich unterwegs, um einzukaufen und Blumen für ihn zu pflücken. Währenddessen nahm er sich das Leben. Zuvor hatte er frisch geduscht und sich sorgfältig rasiert.
Vor wenigen Monaten starb ein Mensch, der einmal zu meinem Leben gehört hatte. Der Kontakt war längst abgebrochen. Auch hier gab es keinen Abschied. Ich war froh, dass es wenigstens einen Friedhof gab. Einen Ort, an den ich gehen konnte, ohne erklären zu müssen, was diese Geschichte für mich bedeutete.
Drei sehr unterschiedliche Geschichten. Wie erzählt man davon? Was sagt man über einen Menschen, der unter solchen Umständen gestorben ist, ohne ihn auf seinen Tod zu reduzieren? Und wie trauert man um jemanden, wenn die Beziehung schwierig war, manches ungeklärt blieb und sich auch nach dem Tod nichts mehr daran ändern lässt?
Wenn ich davon erzähle, merke ich, wie schwer es anderen fällt, die Sprachlosigkeit auszuhalten. Nicht aus Gleichgültigkeit. Eher aus Anteilnahme. Menschen möchten etwas Tröstliches sagen, eine Erklärung finden, irgendwie helfen. Dann entstehen unbeholfene Sätze, gut gemeinte Deutungen, manchmal auch ein hastiger Themenwechsel. Ich kenne dieses Bedürfnis selbst. Wir möchten etwas tun, wenn wir mit dem Leid eines anderen Menschen konfrontiert werden. Und sei es nur, die Stille mit Worten zu füllen.
Ende Oktober findet in Bern die Woche «endlich.menschlich» statt. Ein Festival, das Sterben, Tod und Trauer ins öffentliche Gespräch bringen will. Ich finde das wichtig. Der Tod gehört zu unserem Leben, und doch haben wir ihn lange aus dem gesellschaftlichen Alltag verdrängt, an Institutionen delegiert oder zur Privatsache erklärt. Dass Menschen neue Formen des Abschieds suchen, Erfahrungen teilen und sich mit ihrer Endlichkeit auseinandersetzen, ist ein Gewinn.
Mich beschäftigt dabei eine Frage, die über solche Veranstaltungen hinausgeht: Haben wir begonnen, auch Sterben und Trauern nach den Massstäben einer Gesellschaft zu betrachten, in der möglichst alles gestaltet, begleitet und optimiert werden soll?
Wir sprechen vom guten Tod, vom selbstbestimmten Sterben, vom würdigen Abschied und von gelingender Trauer. Es gibt Beratungsangebote, Abschiedsrituale und Trauerbegleitung. Vieles davon ist wertvoll. Wer einen Menschen bis zuletzt begleitet hat, weiss, wie wichtig gute Betreuung, ein offenes Gespräch oder ein passendes Ritual sein können.
Aber in der Rede vom guten Sterben steckt auch eine Erwartungshaltung. Als liesse sich das Lebensende mit genügend Vorbereitung, Aufmerksamkeit und den richtigen Angeboten zu etwas machen, das am Ende wenigstens einigermassen gelingt. Selbst der Abschied soll bewusst erlebt, die Trauer verarbeitet und das Erlebte irgendwann in die eigene Lebensgeschichte integriert werden.
Was aber, wenn nichts davon gelingt? Wenn jemand allein stirbt, ohne dass wir wissen, ob er sich einsam gefühlt hat? Wenn Beziehungen abgebrochen sind, Schuld und Verletzungen bleiben und niemand am Sterbebett sitzt? Wenn der Tod nicht zu einer letzten Begegnung führt, sondern nur noch einmal sichtbar macht, was alles schon im Leben nicht möglich war?
Solche Todesfälle sind nicht weniger menschlich. Aber sie passen schlecht zu den Bildern, die wir von einem guten Lebensende entwerfen.
Denn die Geschichte eines Todes beginnt nicht erst mit dem Sterben. Wer allein stirbt, hat vielleicht schon lange allein gelebt. Beziehungen, die am Sterbebett fehlen, sind möglicherweise Jahre zuvor zerbrochen. Manche Menschen haben sich zurückgezogen, andere wurden verlassen oder sind allmählich aus dem Blick ihrer Umgebung verschwunden. Die Gründe dafür sind so unterschiedlich wie die Lebensgeschichten selbst. Nicht jede Einsamkeit ist von aussen erkennbar. Und nicht jede Distanz bedeutet, dass niemand sich gekümmert hätte.
Es ist wichtig, über gute Begleitung, Abschied und Trauer zu sprechen. Ebenso wichtig ist die Frage nach den Lebensbedingungen, die einem Tod vorausgehen. Eine Gesellschaft, die sich um ein würdevolles Sterben bemüht, muss sich dafür interessieren, wie Menschen leben, lange bevor ihr Tod absehbar wird. Sonst versuchen wir am Lebensende aufzufangen, was über Jahre gewachsen ist und sich dann nicht mehr einfach verändern lässt.
Darin zeigt sich eine eigentümliche Schwierigkeit unserer Zeit. Wir haben gelernt, dass wir vieles nicht einfach hinnehmen müssen. Krankheiten können behandelt, Schmerzen gelindert, Lebensumstände verbessert werden. Das ist ein grosser Fortschritt. Auch die Hospiz- und Palliativbewegung hat wesentlich dazu beigetragen, dass Menschen am Lebensende nicht einfach sich selbst überlassen bleiben.
Doch aus der berechtigten Möglichkeit, vieles besser zu machen, kann unversehens die Erwartung entstehen, dass es auch besser werden müsse. Dass es für jede Erfahrung eine angemessene Begleitung, für jeden Verlust ein Ritual und für jede Sprachlosigkeit ein Gesprächsangebot geben sollte.
Dabei lässt sich nicht alles auffangen. Und nicht jede Geschichte wird erträglicher, indem wir ihr eine Form geben.
Die Bibel kennt diese Schwierigkeit erstaunlich gut. Im Buch Hiob kommen drei Freunde, um einem Menschen beizustehen, der nahezu alles verloren hat. Sie setzen sich sieben Tage und sieben Nächte schweigend zu ihm. Erst danach beginnen sie, sein Leiden zu erklären. Sie suchen nach Gründen, nach einer Ordnung, in die sich das Geschehene einfügen lässt. Und damit scheitern sie.
Hiob selbst schweigt allerdings nicht. Er klagt, protestiert, fordert Gott heraus. Die Geschichte ist deshalb keine einfache Aufforderung, angesichts fremden Leids still zu bleiben. Sie erzählt davon, wie schwer es ist, einem Menschen zu begegnen, dessen Erfahrung unsere Vorstellungen von Sinn, Gerechtigkeit und Ordnung infrage stellt.
Noch eindrücklicher finde ich Psalm 88. Ein Gebet voller Verzweiflung, das keinen versöhnlichen Schluss findet. Die Finsternis bleibt. Dass ein solcher Text in der Bibel steht, ist theologisch bemerkenswert. Die Klage muss nicht erst in Zuversicht übergehen, um ihren Platz zu haben. Sie darf stehen bleiben, ohne dass ihr am Ende eine tröstliche Erklärung hinzugefügt wird.
Das ist keine Absage an Hoffnung. Es erinnert daran, dass Hoffnung nicht jede Erfahrung erträglich machen und ihr auch nicht nachträglich einen Sinn geben muss.
Hier könnte die Theologie etwas zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung über das Sterben beitragen. Sie muss keine besseren Antworten auf die letzten Fragen versprechen. Ihre eigene Überlieferung weiss darum, dass menschliches Leben nicht erst dort Würde besitzt, wo es gelingt. Ein Mensch ist nicht weniger wert, weil sein Leben aus den Fugen geraten ist, Beziehungen zerbrochen sind oder sein Sterben keinem Ideal des guten Todes entspricht.
Auch unsere Vorstellung von Menschlichkeit verdient deshalb einen genaueren Blick. Wir verbinden sie mit Zuwendung, Nähe, Gespräch und gelingender Gemeinschaft. Zu Recht. Menschlichkeit zeigt sich aber ebenso dort, wo unsere Zuwendung an Grenzen stösst. Wo wir nichts mehr verbessern können. Wo ein anderer Mensch uns fremd bleibt, obwohl er uns einmal sehr nahe war.
Daraus darf kein Lob des Schweigens werden. Einsamkeit ist kein Ideal. Es wäre zynisch, ausgerechnet jenen Menschen, die ohne Begleitung sterben, ihre Einsamkeit als Ausdruck einer besonders unverfügbaren menschlichen Existenz auszulegen. Wo wir Leid lindern, Beziehungen ermöglichen und Menschen vor dem Alleinsein bewahren können, sollten wir es tun.
Aber manches Leid bleibt. Manche Geschichte bleibt ungeklärt. Und der Versuch, den Tod möglichst gut zu organisieren, nimmt ihm seinen Stachel nicht.
Der christliche Glaube hat hier eine besondere Freiheit. Er muss den Tod nicht verharmlosen, um von seiner Überwindung zu sprechen. Er muss aus einem einsamen Tod keinen guten Tod machen und aus einer schwierigen Beziehung keine versöhnte Geschichte. Die Hoffnung hängt nicht daran, dass uns am Ende eine stimmige Erzählung gelingt.
Das könnte auch eine Herausforderung für eine neue Sterbe- und Trauerkultur sein. Es reicht nicht, mehr Angebote zu schaffen, mehr Gespräche zu ermöglichen und den Tod sichtbarer zu machen. Wir sollten ebenso darauf achten, welche Vorstellungen eines guten Sterbens wir damit vermitteln. Welche Geschichten wir erzählen. Welche kaum vorkommen. Und ob Raum bleibt für Erfahrungen, die sich keiner versöhnlichen Erzählung fügen.
Die Woche «endlich.menschlich» bietet eine Gelegenheit, darüber nachzudenken. Sie lädt dazu ein, dem Tod einen Platz mitten im Leben zu geben. Dazu gehört auch, jene Geschichten wahrzunehmen, die sich nicht gut erzählen lassen. Die Sprachlosigkeit eines anderen Menschen auszuhalten, ohne sie sofort überwinden zu wollen. Und im Blick zu behalten, dass die Geschichte eines Todes lange vor dem Sterben beginnt.
Mein Vater ist allein gestorben. Mein Grossvater auch. Bei einem anderen Menschen gab es keinen gemeinsamen Abschied, aber immerhin einen Friedhof. Keine dieser Geschichten wird dadurch einfacher, dass wir über den Tod sprechen. Sie müssen es auch nicht werden. Vielleicht gehört zu einem menschlichen Umgang mit dem Tod auch dies: ihm seinen Stachel zu lassen, ohne dem Menschen seine Würde zu nehmen.
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