Wirkung und Wirkungsorientierung im kirchlichen Kontext
Was wirkt eigentlich, wenn Kirche wirkt? Und wer entscheidet das überhaupt? Kaum ein Begriff prägt aktuelle kirchliche Debatten so stark wie jener der Wirkung – und zugleich sorgt er für Unsicherheit, Reibung und neue Fragen. Zwischen theologischer Tradition, knappen Ressourcen und wachsendem Legitimationsdruck gewinnt Wirkungsorientierung an Bedeutung. Im Interview sprechen wir mit Dr.in Miriam Zimmer darüber, was dieser Perspektivwechsel für kirchliches Handeln bedeutet.
Wirkung und Wirkungsorientierung im kirchlichen Kontext klingt sehr abstrakt. Wie würden Sie Ihre Tätigkeit einer 12-Jährigen erklären?
Eine schöne Frage! Ich habe ja selber zwei Kinder, mit denen ich über meine Tätigkeit gesprochen habe.
Ich würde erklären, dass wir uns zuerst überlegen, was wir mit dem, was wir tun, erreichen wollen. Danach planen wir unsere Arbeit so, dass dieses Ziel auch wirklich erreicht werden kann. In der Kirche machen wir Dinge nicht nur aus Gewohnheit. Wir tun sie, weil wir etwas für Menschen und für die Gesellschaft bewirken wollen. Wirkungsorientierung bedeutet, dass wir später auch prüfen, ob das, was wir getan haben, wirklich etwas verändert hat.
Können Sie uns ein konkretes Beispiel dafür geben, wie Sie Wirkung im kirchlichen Kontext verstehen?
Ein gutes Beispiel ist die Kommunikation der Kirche. Wir schreiben Gemeindebriefe, Pressemitteilungen und gestalten Schaukästen. Wirkungsorientiert heisst, dass wir uns fragen, wer das eigentlich liest. Wir überlegen auch, wen wir erreichen wollen und auf welchem Weg das am besten gelingt. Wenn wir möchten, dass viele Menschen erfahren, wofür Kirche steht, brauchen wir vielleicht andere Kanäle. Das können persönliche Kontakte, Social Media oder neue Formen der Ansprache sein.
Wirkungsorientiert heisst, dass wir uns fragen, wer das eigentlich liest. Wir überlegen auch, wen wir erreichen wollen und auf welchem Weg das am besten gelingt.
Manche behaupten, in der Kirche wolle man es oft gar nicht so genau wissen, ob etwas wirkt. Wo stossen Sie mit ihrem empirischen Wirkungsmodell auf Ablehnung – und was entgegen Sie darauf?
Kirche ist es historisch nicht gewohnt, systematisch auf Wirkung zu schauen. Ausbildung und Praxis sind stark von Traditionen geprägt. Pfarrpersonen lernen selten, ihre Arbeit nach Wirkung zu beurteilen. Wirkungsorientierung kann verunsichern, weil sie vergleichbar macht. Gleichzeitig erlebe ich, dass Teams dadurch neue Motivation gewinnen. Anfangs gibt es oft Skepsis, am Ende aber Entlastung und das Gefühl, gezielt etwas verändern zu können.
In der Kirche gibt es liebgewonnene Traditionen. Welche kirchliche Praxis wird Ihrer Erfahrung nach in ihrer Wirkung am häufigsten überschätzt – und welche unterschätzt, wenn man genauer auf Wirkung schaut?
Oft wird die Wirkung klassischer Gottesdienste überschätzt. Sie bekommen sehr viel Zeit, Energie und Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wird wenig gefragt, wen sie tatsächlich erreichen. Unterschätzt wird die Präsenz im sozialen Raum. Dazu gehören Besuche, Gespräche und Begegnungen ausserhalb der kirchlichen Kerngruppe. Gerade dort entstehen wichtige Beziehungen und neue Einsichten, auch wenn das herausfordernd ist.
Haben Sie ein Beispiel für eine Kirchgemeinde, die durch Ihre Beratung mehr Wirkung erzielen konnte?
Ein Beispiel ist der Kirchenkreis Herford in Deutschland. Dort sollten in den nächsten Jahren viele Ressourcen eingespart werden. Statt überall gleich zu kürzen, entschied man sich für einen anderen Weg. Man wollte zuerst klären, welche Wirkung erreicht werden soll. In einem gemeinsamen Prozess wurden Ziele für Gottesdienst, Diakonie, Bildung und Seelsorge formuliert. Diese Ziele sollen nun messbar gemacht werden und die zukünftige Verteilung der Ressourcen bestimmen.
Dr.in Miriam Zimmer ist Gründerin und Geschäftsführerin von impaekt – Institut für Evaluation und Wirkungsforschung, das sich unter anderem mit Wirksamkeit in kirchlicher Praxis gefasst. Zuvor leitete sie das Zentrum für Pastorale Evaluation an der Ruhr-Universität Bochum und verantwortete zahlreiche Evaluationsprojekte. Sie ist promovierte Soziologin und studierte Soziologie, Religionswissenschaft, Psychologie und evangelische Theologie in Göttingen und São Leopoldo (Brasilien).
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