«Wir haben hier unsere Familie gefunden»: Wie im bürgerlichen Riggisberg Asylsuchende zu Nachbarn wurden
Vor über zehn Jahren nahm Riggisberg als einzige Berner Gemeinde freiwillig Geflüchtete auf. Heute leben noch 30 von ihnen im Dorf. Über die Hilfsarbeit sind Freundschaften entstanden.
Ein ländliches Dorf, in dem 2500 Personen wohnen, nimmt freiwillig rund 150 Geflüchtete auf. Plötzlich kennt die ganze Schweiz den Ort. Die Gemeindepräsidentin Christine Bär erhält den Swiss Award in der Kategorie Politik.
Das war vor über zehn Jahren, das Dorf heisst Riggisberg. Was ist von diesem Engagement heute noch übrig? Auf einem Rundgang treffen wir die damalige Kirchgemeindepräsidentin Karin Zehnder, den Pfarrer Daniel Winkler und zwei geflüchtete Familien, die in Riggisberg wohnen.
Daniel Winkler und Karin Zehnder haben für Geflüchtete etwa das Café Regenbogen organisiert. Hier vor der Kirche, im Hintergrund das Dorf Riggisberg.
Foto: Franziska Rothenbühler
Geflüchtete Männer schliefen unterirdisch, Frauen und Familien oberirdisch
Karin Zehnder zeigt im unteren Teil von Riggisberg auf das Gebäude, wo heute Feuerwehrautos eingestellt und Vereine eingemietet sind, und erinnert sich an die Zeit zurück, als hier Geflüchtete untergebracht waren: «Männer übernachteten in Massenschlägen der unterirdischen Zivilschutzanlage, wo auch die Küche war und der Deutschunterricht mit Freiwilligen stattfand.» Frauen und Familien schliefen im oberirdischen Teil.
Im unterirdischen Teil der Zivilschutzanlage waren vor über zehn Jahren geflüchtete Männer untergebracht. Im neuen Anbau links sind heute Feuerwehrautos eingestellt.
Foto: Franziska Rothenbühler
2014 lobbyierte die damalige parteilose Gemeindepräsidentin Christine Bär, die Schwägerin von Zehnder, in der Politik dafür, dass ihre Kommune 150 Geflüchtete aufnimmt. Zu jener Zeit stieg die Anzahl Asylgesuche aus Eritrea, Syrien und Sri Lanka markant an. Deshalb rief der Kanton Gemeinden mit genügend Kapazität dazu auf, Asylsuchende aufzunehmen. Die einzige, die sich meldete, war Riggisberg.
In der Bevölkerung gab es zum Teil Skepsis und Widerstand gegen die Pläne. Bär überzeugte den SVP-dominierten Gemeinderat trotzdem. Dieser stellte jedoch die Bedingung, dass die Gemeinde diese Aufgabe nicht länger als eineinhalb Jahre übernimmt. Daraufhin fragte der Gemeinderat Kirchgemeindepräsidentin Zehnder und Pfarrer Winkler an.
«Riesiger Aufwand, schöne Arbeit» in Riggisberg
Mittlerweile ist Winkler dazugestossen und nimmt am Rundgang zehn Jahre später teil. Die beiden stehen vor der Kirche auf dem Hügel, von dem man über die Hausdächer hinweg auf die Berge sieht. «Wir haben zuerst leer geschluckt», sagt Winkler und lacht. «Und dann zusammengespannt», ergänzt Zehnder. Wind bläst durch ihre Haare.
Für beide war damals klar, dass dieser Weg nicht nur einfach sein würde – was sich bestätigte: «Der Aufwand war riesig, aber die Arbeit schön», sagen sie heute. Zusammen mit «einer weiteren Freiwilligen vom säkularen Flügel» bildeten sie ein Trio.
Mit vielen weiteren Leuten aus Riggisberg, den umliegenden Dörfern und der Kirchgemeinde wollten sie Bedingungen schaffen, damit die geflüchteten Menschen hier Tritt fassen konnten.
Zu ihrem Angebot gehörten Deutschunterricht, ein wöchentliches Café Regenbogen, Wanderausflüge. Sie brachten den Leuten verschiedenster Herkunft, vor allem aus Eritrea und Syrien, bei, wie man Abfall trennt, gingen zusammen einkaufen und organisierten für sie ein Malatelier, damit sie ihre Traumata verarbeiten konnten.
Die Geflüchteten halfen in der Gärtnerei im Schlossgarten Riggisberg.
Foto: Franziska Rothenbühler
Es wurde genäht und gestrickt, die Geflüchteten leisteten gemeinnützige Arbeit im Schlossgarten, als Putztruppen im öffentlichen Raum und halfen bei den Aufräumarbeiten nach einer Überschwemmung.
Die meisten Angebote lösten sich auf, als die Asylunterkunft Anfang 2016 geschlossen wurde. Das Café Regenbogen fand noch weiter bis zur Pandemie statt. Die Leute seien allmählich auf den Arbeitsmarkt gekommen, viele weggezogen. Heute lebten von ihnen noch etwa 30 Erwachsene und Kinder im Dorf.
Manche Angebote lebten durch eine neue Gruppe Freiwilliger wieder auf, als im abgelegenen Gurnigelbad von 2023 bis 2025 erneut Geflüchtete untergebracht wurden.
Von Skepsis zu Offenheit in Riggisberg
Vor zwölf Jahren hätten sich die Dorfbewohnerinnen und -bewohner anfangs skeptisch gegenüber den Neuankömmlingen gezeigt, sagt Zehnder: «Plötzlich ist da eine unbekannte Masse im Dorf.» In der direkten Begegnung hätten diese jedoch schnell gemerkt: «Das sind ja nette Leute.» Wo die Riggisbergerinnen und Riggisberger politisch stünden, sei eine andere Sache. Und manche hätten sich gerade von der Kirche auch etwas abgehängt gefühlt, sagt Zehnder, weil diese ihr Engagement in dieser Zeit so stark auf Geflüchtete fokussiert habe. Trotzdem sei seit damals für die meisten im Dorf bis heute selbstverständlich, dass die Geflüchteten dazugehörten.
Dasselbe passiere am Arbeitsplatz, sagt Winkler. «Wenn man ein Gesicht vor sich hat, relativieren sich die Vorurteile.» Begegnungen schafften Sympathien, liessen Freundschaften entstehen.
Bereket Andom hält seine Tochter Rim auf dem Arm. Neben ihm steht Aster Tekle mit den Kindern Rodas und Rai. Saliem Mehari, die mit der Familie einen vertrauten Umgang hat, steht ganz rechts.
Foto: Franziska Rothenbühler
Eines dieser Gesichter gehört Saliem Mehari. Die 25-Jährige und der Pfarrer sitzen nun bei Zehnder zu Hause am Wohnzimmertisch. Mehari ist mit ihrer Familie aus Eritrea geflüchtet und lebt mit ihr seit sieben Jahren in Riggisberg. Sie haben mittlerweile den B-Ausweis, also eine längerfristige Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Der Vater arbeitet in der Küche im Spital in Riggisberg. Der eine Bruder ist ausgebildeter Automechaniker, der andere Logistiker, die kleine Schwester macht die Fachmittelschule in Bern.
Mehari arbeitet als Pflegehelferin im Altersheim Riggishof. Die meisten Bewohner seien freundlich, das Team gut. «Einmal hatte eine Bewohnerin Angst vor Leuten mit dunkler Haut und war aggressiv zu mir.» Das sei die einzige schlechte Erfahrung gewesen: «Sonst sind die Leute nett.»
Im Riggishof arbeitet Saliem Mehari als Pflegehelferin.
Foto: Franziska Rothenbühler
Karin Zehnder steht mit Meharis Familie in Kontakt, unterstützt sie in alltäglichen Dingen. Ihr Amt als Kirchgemeindepräsidentin hat sie abgegeben. Ihre Hilfstätigkeit für Geflüchtete hat sich in eine Freundschaft mit ihnen verwandelt: «Wir helfen einander nun gegenseitig.» Zehnder und ihr Mann, der vor zehn Jahren die Geflüchteten als Hausarzt behandelte, bieten einer eritreischen Familie seit über vier Jahren ein Zuhause.
Asylsuchende müssen jahrelang warten
Die Eltern Aster Tekle und Bereket Andom haben sich am Wohnzimmertisch dazugesetzt. Sie flohen vor elf Jahren in die Schweiz. Ihr Asylgesuch wurde abgewiesen, sie wohnten eine Zeit lang im Rückkehrzentrum in Enggistein. Karin Zehnder und Pfarrer Daniel Winkler setzten sich dafür ein, dass sie privat untergebracht werden können – bei Zehnders.
Ihre Kinder gehen in Riggisberg zur Schule, die Nachbarskinder, mit denen sie oft spielen, sind im selben Alter. Der Familienvater sagt: «Die Leute in Riggisberg sind nett, wir haben hier unsere Familie gefunden.»
Geflüchtet sind sie aus demselben Grund wie Meharis Familie: Der Vater hätte in Eritrea in den obligatorischen Militärdienst gehen müssen. «Er dauert unbegrenzt, vielleicht das ganze Leben lang, man ist weg von der Familie.» Weil er diesen verweigert habe, sei er ins Gefängnis gekommen.
«Wir verstehen nicht, weshalb wir kein Asyl bekommen.» Seit vier Jahren warten sie darauf, dass ihr Wiedererwägungsgesuch vom Bundesverwaltungsgericht bearbeitet wird. Zwangsrückführungen nach Eritrea sind laut der Schweizerischen Flüchtlingshilfe nicht durchführbar, die Wegweisungspraxis wurde trotzdem verschärft.
Wegen des negativen Asylentscheids dürfen Tekle und Andom keiner Erwerbsarbeit nachgehen. Stattdessen helfen sie freiwillig im Altersheim Riggishof mit demenzkranken Menschen und im Schlossgarten. Winkler teilt eine Beobachtung: «Viele abgewiesene Asylsuchende leiden stark darunter, dass sie nicht arbeiten dürfen.» Es kratze an ihrer Würde, schade ihnen psychisch und körperlich.
Das Leben: Eine Wanderung auf Eis
Heute hat sich Winklers Engagement zu einem grossen Teil auf abgewiesene Asylsuchende verlagert. Er vermittelt etwa Arbeitsstellen oder organisiert Deutschunterricht.
Er sieht das Leben wie eine Wanderung auf Eis. Manchmal breche man selbst ein, manchmal jemand neben einem – zum Beispiel wenn jemand sterbe oder anderswo Krieg ausbreche. «Und da helfe ich. Wir wissen alle selbst, wie brüchig das Eis ist.» Da sei es wichtig, einander zu helfen.
Nun kommen Tekles und Andoms Kinder von der Schule und von einer Nachbarin, die die Jüngste während des Gesprächs gehütet hat, nach Hause. Rodas, Rai und Rim. Saliem Mehari streicht Rodas über den Kopf. Mehari, die bleiben darf, und die Familie, die bleiben möchte, aber gehen muss, stellen sich fürs Foto auf.
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