Symbolbild Ausdauer Beharrlich

Demut – oder warum ich dem Wort lange misstraut habe

Demut gilt als christliche Tugend. Doch was passiert, wenn aus einer geistlichen Haltung die Erwartung wird, sich kleinzumachen und nicht anzuecken? Ein persönlicher Blick auf Demut, Macht und Führung – und auf die Frage, warum echte Demut nichts mit Selbstverkleinerung zu tun hat.

Barbara Schmutz, Regionalpfarrerin
Von Barbara Schmutz, Regionalpfarrerin

Demut. Schon das Wort klingt ein bisschen nach Holzbank. Nach dünnem Kaffee im Kirchgemeindehaus. Nach Aussagen wie: „Das macht man bei uns aber nicht so!“ Ein Wort, bei dem manche sofort spirituell werden und andere Atemnot bekommen. Und ehrlich? Ich gehörte lange zur zweiten Gruppe. 

Mit knapp 25 hatte ich 100 Stellenprozente, zwei Gemeinden, eine Kirchgemeinde und null Ahnung, dass man in der Kirche offenbar zuerst lernen muss, Sätze in Watte zu verpacken. Ich kam mit Ideen. Mit Energie. Mit Haltung. Und bekam ziemlich schnell erklärt: „Zu laut.“ „Zu viel.“ „Zu direkt.“ „Zu feministisch.“ Was in kirchlicher Übersetzung ungefähr bedeutet: schwierig.

Irgendwann fragte ich mich: Bin ich wirklich falsch hier? Oder ist vielleicht das System irritiert von Menschen, die Raum einnehmen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten? Kirche ist dafür besonders anfällig.

Geistliche Haltung oder soziale Erwartung?

Schliesslich gehört Demut zu ihrem religiösen Vokabular. Im Sinne von Dienen, sich zurücknehmen, den anderen höher achten als sich selbst – das klingt zunächst durchaus sympathisch. Schwierig wird es dann, wenn aus einer geistlichen Haltung eine soziale Erwartung wird. Und diese Erwartung trifft nicht alle gleich. Frauen haben über Generationen gelernt, dass Bescheidenheit ihnen gut steht. Kompetent sein: gerne. Aber bitte nicht zu überzeugt davon. Verantwortung übernehmen: unbedingt. Aber Ehrgeiz? Vorsicht. Eine klare Meinung haben: selbstverständlich. Nur sollte sie möglichst freundlich serviert werden. Wenn Demut plötzlich bedeutet, Hierarchien nicht infrage zu stellen, Konflikte möglichst geräuschlos auszutragen und die eigene Meinung so lange weichzuspülen, bis niemand mehr merkt, dass es überhaupt eine war. Dann stabilisiert Demut bestehende Verhältnisse, statt Beziehungen zu verändern.

Diese feine Grenze kenne ich so gut: Ein Mann weiss, was er will – eine Frau ist dominant. Ein Mann spricht Klartext – eine Frau ist schwierig. Ein Mann benennt seine Fähigkeiten – eine Frau überschätzt sich. Natürlich ist das zugespitzt. Aber Zuspitzungen haben die Eigenschaft, manchmal ziemlich genau und schmerzhaft ins Schwarze zu treffen.

Demut wurde damit leicht verwechselt mit: klein bleiben, nicht anecken, nicht glänzen, nicht zu viel wollen. Und Gott bewahre, du sagst mit Selbstvertrauen: „Vielleicht könnte ich das richtig gut.“ Dabei ist das doch verrückt und widersprüchlich: Wir predigen ständig von Berufung und Talenten, aber erschrecken, wenn jemand tatsächlich davon überzeugt ist, begabt zu sein.

Ich erinnere mich noch gut. Man fragte mich einmal: „Wo sehen Sie Ihren Platz in der Kirche?“ Und ich sagte: „Natürlich als Synodalratspräsidentin.“ Die Reaktion? Als hätte ich vorgeschlagen, beim Abendmahl künftig Cola auszuschenken. Sprachlosigkeit. Heilige Schnappatmung. Fast ein liturgischer Notfall.

Irgendwann habe ich begonnen, dem Wort Demut zu misstrauen. Weil es so oft benutzt wurde, um Menschen kleiner zu machen. Vor allem Frauen. Vor allem die Lauten. Vor allem jene, die nicht so recht in die kirchliche Vorstellung davon passen, wie frau zu sein hat.

Echte Demut ist kein Kniefall

Mich interessiert deshalb inzwischen eine andere Form von Demut. Eine, die Menschen erlaubt, ihren Platz einzunehmen. Eine, in der Begabung kein Grund ist, sich zu entschuldigen. In der Frauen nicht erst beweisen müssen, dass sie bescheiden genug sind, bevor sie führen dürfen. Und in der wir einander zutrauen, gross zu sein, ohne andere klein machen zu müssen.

Echte Demut ist anspruchsvoller als demonstrative Bescheidenheit. Und vermutlich auch unbequemer. Denn echte Demut sagt nicht: „Ich bin nichts.“ Echte Demut sagt: „Ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt. Und trotzdem wichtig.“ Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir dieser Satz. Denn beides gehört zusammen. Wer nur den ersten Teil lebt, läuft Gefahr, sich selbst aus dem Bild zu streichen. Wer sich nur an den zweiten hält, kann für seine Umgebung ziemlich anstrengend werden. Demut hält beides zusammen: Ich nehme mich ernst, ohne mich für das Mass aller Dinge zu halten.

Diese Sichtweise verändert auch Führung und Zusammenarbeit. Wer nicht dauernd beweisen muss, dass er oder sie recht hat, kann zuhören. Wer den eigenen Wert nicht aus Unfehlbarkeit beziehen muss, kann Fehler zugeben. Wer die eigenen Fähigkeiten kennt, kann Verantwortung übernehmen – und gleichzeitig anerkennen, dass andere Etwas besser können. Und wer den eigenen Platz einnimmt, muss andere nicht verdrängen.

Demut als moderne Führungskompetenz

Vielleicht brauchen gerade Organisationen diese Art von Demut. Denn Zusammenarbeit scheitert selten daran, dass niemand etwas kann. Häufiger scheitert sie daran, dass Menschen Recht erzwingen, Zuständigkeiten verteidigen, Anerkennung fordern oder sich an ihre Bedeutung klammern. Auch in der Kirche. Vielleicht besonders dort, wo Macht gerne so behandelt wird, als gäbe es sie gar nicht.

Demut könnte dann eine erstaunlich moderne Führungshaltung sein: Ich habe Verantwortung, aber nicht auf alles eine Antwort. Ich treffe Entscheidungen, aber meine Perspektive ist nicht die einzige. Ich kenne meine Kompetenzen und muss deshalb diejenigen anderer nicht fürchten. Ich kann führen, ohne mich über andere zu stellen. Und ich kann mich führen lassen, ohne mich kleiner zu fühlen. Demut als ziemlich anspruchsvolle Kunst zu wissen: Ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt. Und trotzdem wichtig.

Aktuell hätte die Welt durchaus Bedarf an etwas weniger Ego. Auch die Kirche. Vielleicht besonders die Kirche?

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.