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IKAS Tagung vom 9.9.26 im Kirchgemeindehaus Paulus, Bern

Armut sichtbar machen

Scham, komplexe Verfahren oder ausländerrechtliche Konsequenzen können Menschen davon abhalten, Sozialhilfe zu beziehen. Die Tagung der Interkonfessionellen Arbeitsgruppe Sozialhilfe (IKAS) vom September 2026 in Bern zeigte, wie sich solche Hürden abbauen lassen.

Die Konferenz wurde vom Live-Cartoonisten Jonas Raeber begleitet, der mit Witz und Gefühl Inhalte und Stimmungsmomente zeichnerisch umgesetzt hat (siehe Bildgalerie).

 

Von Omid Bahrampour und Isabelle Not, Cartoons Jonas Raeber

Wieviele Anspruchsberechtigte beziehen keine Sozialhilfe?

20 - 40%

Quelle:

Armutsmonitoring 2025, Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV)

Administrative, rechtliche und soziale Hürden

In seinem Referat ging Prof. Dr. Oliver Hümbelin, Dozent an der Berner Fachhochschule (BFH), genauer auf diese Faktoren ein. Ursachen können administrative und rechtliche Hürden, fehlende Informationen sowie soziale oder psychische Faktoren wie die Furcht vor Stigmatisierung sein. 

Weil die Armutsbeobachtung in der Schweiz stark an den Sozialhilfebezug gekoppelt ist, bleiben Menschen, die trotz Anspruch keine Sozialhilfe beziehen, in entsprechenden Statistiken unsichtbar. Bei einer Umfrage im Rahmen des nationalen Armutsmonitorings äusserte ein Viertel der Befragten klare Hemmungen gegenüber dem Bezug von Sozialhilfe. Mit höherem sozialem Status nehmen diese tendenziell ab.

Der verstärkte Informationsaustausch zwischen Sozialdiensten und Migrationsbehörden seit der Reform des Ausländer- und Integrationsgesetzes (AIG) 2019. habe den Nichtbezug ebenfalls begünstigt. 

Präsentation Hümbelin IKAS 2026

Die Ansprüche auf Sozialhilfe sind gleich geblieben, aber die Aushöhlung findet indirekt statt.

Oliver Hümbelin

Ein Kompass für die Soziale Arbeit

Nadia Bisang, Co-Geschäftsleiterin von AvenirSocial, präsentierte im Anschluss den neuen Berufskodex Soziale Arbeit. «Der Kodex ist ein Kompass. Er braucht aber eine Ausgestaltung». Ziel der Sozialen Arbeit sei es, Menschen ein würdevolles Leben mit sozialer Teilhabe zu ermöglichen – und nicht nur ihre Existenz zu sichern. Die Armut müsse überwunden, die Sozialarbeitenden letztlich überflüssig gemacht werden.

Der Kodex geht unter anderem auf Macht, Partizipation und soziale Gerechtigkeit ein. Bei Armut müsse nicht nur gefragt werden, was die betroffene Person verändern könne, sondern auch, welche gesellschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen eine Rolle spielen. Gleichzeitig sollten Betroffene selbst mitbestimmen können, was die Überwindung ihrer Armut bedeutet.

Präsentation Bisang IKAS 2026

Best practice - wo Unterstützung konkret wirkt

An verschiedenen Stationen stellten Organisationen aus dem Bereich der Sozialen Arbeit danach ihre Projekte vor. 

Die Fachstelle für Migration isa in Bern, bietet kostenlose Unterstützung bei migrationsrechtlichen Fragen an. Tarek Naguib, Leiter Beratung und Information, verdeutlichte die Verbindung von Migration und Armut: Rund 30 Prozent der unterstützten Personen seien von Armut betroffen. 

Von einem Kooperationsprojekt zwischen Kirche und öffentlichem Sozialdienst berichtete Christine Eichenberger, Pfarrerin der Kirchgemeinde Kandergrund. Gemeinsam mit dem Sozialdienst begleitet sie Menschen, die aufgrund der geplanten Räumung des Munitionslagers bei Mitholz ihr Dorf verlassen müssen.

Fazit

Hürden beim Zugang zu Unterstützung bestehen im Kleinen wie im Grossen, auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene. Ihr Abbau kann im Kleinen beginnen: ein kostenloser Kaffee und ein Stück Kuchen, die richtige Kontaktperson oder eine gute Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen und Kirchgemeinde.

Die staatliche Sozialhilfe ist an gesetzlich definierte Anspruchsvoraussetzungen, eine umfassende Bedarfsprüfung und bestimmte Mitwirkungspflichten gebunden. Kirchlich-diakonische Sozialhilfe erfolgt niederschwelliger und erreicht dadurch auch Menschen, die den Zugang zur Sozialhilfe scheuen oder deren formale Voraussetzungen nicht erfüllen. Gerade darin liegt ihre Stärke: Sie kann frühzeitig Unterstützung anbieten, Vertrauen schaffen und eine Brücke zu staatlichen Hilfesystemen bilden.

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