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Als christliche Theologin auf schiitischem Pilgerweg

Die christliche Theologin Christine Schliesser strebte in der Gluthitze der irakischen Wüste dem schiitischen Heiligtum in Kerbala entgegen. Dabei wurde ihr bewusst, wie stark die Religion das Leben der Pilger durchdringt.

 

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Christine Schliesser, wie fühlt sich es an, wenn auf dem Pilgermarsch selbst in der Nacht noch 44 Grad herrschen?

Diese unglaubliche Hitze ist für uns ungewohnt. Man fühlt sich wie in einem Umluftbackofen. An meinen Schweizer Wanderschuhen ist der Kleber an der Sohle geschmolzen. Und doch spürt man Hitze und Müdigkeit inmitten der pilgernden Menschen nicht so sehr. Wir haben nur einen Teil der Pilgerstrecke zurückgelegt. Man soll das nicht romantisieren, Wellness ist das nicht.

 

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Am Rand der insgesamt 85 Kilometer langen Strecke versorgen Freiwillige die Pilger:innen kostenlos mit Wasser, Nahrung und Sanitätsdienstleistungen. Was motiviert diese Menschen zu diesem Dienst?

Für Schiitinnen und Schiiten ist diese Pilgerwanderung ein religiöses Bedürfnis. Wohl auch deshalb engagieren sich viele Moscheen-Gemeinden bei diesem freiwilligen Dienst, sammeln Spenden und halten kostenlose Verpflegung bereit. Auch Kinder und alte Menschen helfen mit. Gastfreundschaft ist tief verankert und selbstverständlich.

Der traditionelle Protestantismus verdächtigt selbstkasteiende Praktiken und Pilgerwanderungen als Werkgerechtigkeit. Weshalb sind Sie dennoch stark beeindruckt vom Marsch dieser Pilger:innen?

In unserer Tradition hat sich ein Missverständnis eingeschlichen. Die Reformatoren haben nicht die guten Werke abgelehnt, sondern die angeblich heilsbringende Wirkung, mit denen man sich quasi den Himmel verdient. Mit der Zeit kamen die guten Werke an sich in Misskredit. Das hat zu blinden Flecken in unserer Kirche geführt.

Wie meinen Sie das?

Wir sind ganzheitliche Wesen mit körperlichen, emotionalen und spirituellen Bedürfnissen. Wir haben da etwas aus dem Blick verloren und sind kopflastig geworden. Von Körperlichkeit, Frömmigkeitspraxis und gelebter Spiritualität könnten wir einiges lernen.

Vom Irak eingeladen

Dr. Christine Schliesser ist Titularprofessorin für Systematische Theologie an der Universität Zürich. Ausserdem ist sie bei Refbejuso Beauftragte Grundlagenarbeit Theologie. Die Reise fand im August 2026 statt. 

Wie leben gläubige Schiit:innen diese Spiritualität?

Mich hat beeindruckt, dass viele ohne weiteres in der Lage sind, ihren Glauben fröhlich und völlig unbefangen darzulegen. So hat mir ein junger Deutscher libanesischer Herkunft im Flugzeug in wenigen Minuten in klaren und verständlichen Worten erklärt, was ihm in seinem Glauben wichtig ist. Diese Sprachfähigkeit wünsche ich mir auch bei mir und uns.

Religion ist dort offenbar nicht mit Scham oder Peinlichkeit behaftet, sondern ein wichtiger und Aspekt des Lebens.

Es ist wie ein Lebenselixir, ein zentraler Teil des Lebens. Einmal habe ich mitbekommen, wie am Nebentisch junge Leute einen ganzen Abend lang engagiert über die Frage diskutierten, ob Imame über heilende Kräfte aus sich selbst verfügten oder diese allein von Allah erhalten. Darin zeigt sich ein selbstverständlicher Umgang mit Religion.

Religion ist für diese Menschen auf dem Pilgerweg wie ein Lebenselixir, ein zentraler Teil ihres Lebens.

Auf dem Pilgerweg von Nadschaf nach Kerbala im Irak ist die schiitische Schutzmacht Iran sehr präsent mit Propaganda, unter anderem gegen Trump und Israel. Wie nehmen das die Pilgernden auf?

Sie nehmen das zur Kenntnis, es wird aber nicht offen thematisiert. Im krassen Gegensatz zu den schiitischen Führern im benachbarten Iran hält sich der irakische Grossayatollah Ali Sistani aus der Politik völlig heraus. Er betrachtet sich allein als religiösen Führer. Interessant ist, dass im Pilgerzug Menschen aus zum Teil verfeindeten Nationen gemeinsam unterwegs sind, ohne dass politische Spannungen sichtbar werden.

Oft werden bei uns Religionen als Treiber von Konflikten dargestellt. Wie haben Sie das erlebt?

Tatsächlich habe ich Religion dort als friedensfördernde und gemeinschaftsstiftende Kraft kennengerlernt. 22 Millionen – also zusammengerechnet mehr als die ganze Bevölkerung von Österreich und der Schweiz – sind unterwegs. Und mittendrin ich, eine Christin. Auf dem Hadsch nach Mekka wäre das undenkbar.

Wenn jüdische Menschen zur Klagemauer oder christliche Pilger:innen zur Geburtsgrotte Jesu in Bethlehem kommen, sind viele überwältigt. Was passiert am Ziel in Kerbala?

Auf dem Areal drängen sich 200'000 Menschen, getrennt nach Männern und Frauen. Wenn sie zum Grabmal des Märtyrers vorstossen, brechen viele in Tränen aus wegen seines gewaltsamen Tods vor 1400 Jahren. Sie küssen das Trenngitter und reiben Kopftücher daran. Diese existenzielle Dimension von Religion ist bei uns vielen fremd geworden. In der orthodoxen Kirche gibt es etwas Ähnliches, wenn Gläubige Ikonen küssen. 

Haben solche Praktiken auch eine magische Konnotation, etwas Abergläubisches?

Es gibt auch gute Gründe, solchen magisch anmutenden Praktiken kritisch gegenüberzustehen, etwa die Vorstellung, dass das Berühren von Reliquien Heilung bringt. Bei uns scheint mir aber manchmal, dass wir das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben und kaum noch Platz für das Geheimnisvolle und Unverfügbare bleibt. Der Glaube und vielleicht Gott selbst wurden gezähmt und domestiziert. 

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Im Irak gibt es auch eine schwindende christliche Minderheit. Was haben Sie davon mitbekommen?

Wir haben eine Kirche aus dem vierten Jahrhundert besichtigt. Ich erkundigte mich nach Inschriften auf einem Kreuz in der Absicht, davon Fotos zu machen. Als Antwort wurde ich gefragt, ob ich da beten wolle. Das hat mich etwas beschämt. Religion und Glaube werden vorausgesetzt. Ein Mitglied der Reisegruppe bezeichnete sich stets als unreligiös. Die irakischen Menschen konnten das kaum verstehen. 

Wer Irak hört, denkt an Anschläge und dringliche Reisewarnungen. Wie gefährlich empfanden Sie den Aufenthalt?

In keinem Moment habe ich mich unsicher gefühlt, obwohl man mich stets als Christin identifiziert hat. Ich war in eine Gruppe eingebettet, die offiziell eingeladen war. Als Individualreisende wäre es vielleicht eine etwas andere Situation. Allerdings erscheint mir die generelle Reisewarnung undifferenziert. Dies schadet vielen, die mit Tourismus ihren Lebensunterhalt verdienen könnten. Ich bin sehr froh, dass ich die Gelegenheit zu dieser Reise bekommen habe.

 

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