«Tutti-Frutti»-Reihe bietet Gemeinschaft und Spiritualität
Fünfmal im Jahr lädt der kirchliche Bezirk Frutigen-Niedersimmental erwachsene Menschen mit Beeinträchtigung zum «Tutti-Frutti»-Abend ein. Dabei wird auch ein Gottesdienst gefeiert. Die motivierten Teilnehmenden gestalten ihn mit, wie ein Besuch vor Ort zeigt.
Rund 20 Menschen treffen sich an diesem Frühlingsabend zur «Tutti-Frutti»-Gruppe im barrierefreien Kirchgemeindehaus Frutigen. Pfarrerin Isabelle Knobel und die Sozial- und Theaterpädagogin Gisella Bächli führen durch den Anlass – im Auftrag der elf reformierten Kirchgemeinden des Bezirks. Zwei freiwillige Mitarbeiterinnen kümmern sich um das Abendessen und helfen wo nötig. Die meisten Teilnehmenden kommen aus Einrichtungen für Menschen mit kognitiven und körperlichen Einschränkungen in der Region. Einige leben selbständig oder bei ihren Eltern.
Nach dem Essen versammelt sich die Runde im grossen Saal, der Gottesdienst beginnt. «Einfach super, dass du da bist», sagt die Pfarrerin der Reihe nach zu jeder und jedem Einzelnen. Eine Teilnehmerin strahlt, ein anderer versteckt sein Gesicht im Pullover. Beim Lied «Friede wünsch i dir» singen alle mit – der musikalische Auftakt bleibt stets gleich und gibt Orientierung. Im Mittelpunkt steht heute die biblische Geschichte von Elia. Erschöpft und einsam bittet er Gott um ein Zeichen. In Frutigen wird daraus ein Gemeinschaftswerk: Isabelle Knobel liest, Gisella Bächli spielt Elia, und die Teilnehmenden untermalen die Szenen mit Instrumenten.
Das Grosse im Kleinen
Wie begegnet Gott Elia? Nicht im Sturm – Rasseln, Trommeln – und nicht im Erdbeben, wie die Runde erfährt. Sondern im Flüstern eines feinen Windhauchs. Federn auf bunten Tüchern in der Mitte des Kreises machen diese Botschaft sichtbar. Haben die Teilnehmenden Gott auch schon im Kleinen gespürt? Die Antworten erzählen von einem feinfühligen Hund, vom Heilen einer Fusswunde und vom Trost nach einem Todesfall. «Hier hat alles Platz», sagt Gisella Bächli.
Menschen mit Beeinträchtigungen sollen selbstverständlich am kirchlichen Leben teilhaben, betont Isabelle Knobel. Nicht aus Wohltätigkeit, sondern auf Augenhöhe, mit einfacher Sprache und Liturgie. Die Reaktionen kommen oft direkt: «Ich erlebe die Kirche hier manchmal intensiver als am Sonntag im Gottesdienst.» Teilnehmende pflegen auf ihre Weise eine innige Beziehung zu Gott, ergänzt Gisella Bächli. Dies mitzuerleben, sei «ein Gewinn für die ganze Kirche». Die «Tutti-Frutti»-Reihe, seit einigen Jahren angeboten, steht Menschen mit und ohne Einschränkungen offen. Ähnliche Gruppen gibt es auch in anderen bernischen Kirchgemeinden.
Hat der Gottesdienst gefallen? Lisa Märki nickt heftig. Sie betete an diesem Abend zum ersten Mal laut mit und umarmte danach die Pfarrerin. Serge Sonderegger sagt, er lerne gerne biblische Geschichten. Während der Andacht schloss er mehrmals die Augen, legte die Hand an den Kopf und dachte nach. Der Abend klingt beim Dessert aus. Inzwischen wirken auch die bisher Stilleren gelöst. Ein letztes Lied hallt durch das fast dunkle Kirchgemeindehaus: «Marina» von Rocco Granata.
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