ENSEMBLE Nr. / N° 64 - März / Mars 2022

7 ENSEMBLE 2022 /64 —– Doss i er D Lange Zeit hatten sie einen schlechten Ruf oder wurden gar verteufelt, nun erobern sich die Tiere aber nach und nach ihren Platz im Christentum zurück. Seit vierzig Jahren formiert sich bei den Reformierten eine Tiertheologie, die zu einer Veränderung der Beziehung zwischen Menschen und Tieren aufruft. Von Nathalie Ogi Von der Schlange über die Taube, den Esel oder den Fisch bis hin zum Lamm: Die Bibel ist von Tieren bevölkert. Tiere waren damals stärker im Bewusstsein der Menschen verankert als heute. Man dürfe nicht vergessen, dass die Heilige Schrift zu einer Zeit geschrieben wurde, in der die Menschen noch enger mit den Tieren zusammenlebten, in einer grösstenteils agrarisch geprägten Gesellschaft, in der die Beziehung zum Tier eine andere Qualität hatte, hält der Theologe Matthias Zeindler fest. Eine vegetarische Ernährung war undenkbar. In den Evangelien ist nachzulesen, dass Jesus Fisch ass. In der Genesis hingegen ist der Mensch noch Vegetarier. Erst nach der Sintflut wird Noah zum ersten Menschen, dem Gott das Recht zugesteht, Fleisch zu essen. Tatsächlich hat sich die Sicht auf das Tier im Verlauf der Jahrhunderte und je nachdem, wer an der Verfassung der Bibel beteiligt war, ständig gewandelt. Es gibt keine einheitliche Antwort auf die Frage, wo der Platz des Tiers sei. «So wird in der Genesis dezidiert die Idee einer Gemeinschaft von Gottes Geschöpfen vertreten. Erst nach und nach wird unter dem Einfluss der griechischen Philosophen ein stärkerer Unterschied zwischen Menschen und Tieren gemacht», führt der Spezialist für Mensch-Tier-­ Beziehungen Eric Baratay aus. Im 4. Jahrhundert v. Chr. betont der Verfasser des Buchs der Weisheit die besondere Natur des Menschen, der – anders als die Tiere – über eine unsterbliche spirituelle Seele verfüge. In der Genesis werden aber keine Aussagen über die Natur der menschlichen Seele gemacht. In ihr ist die Rede von Menschen, denen der Atem Gottes eingehaucht wird. Der genannte Autor aus dem 4. Jahrhundert stellt auch eine Beziehung zwischen der Schlange und dem Teufel her. Unter dem Einfluss der Kirchenlehrer, die eine Hierarchisierung der Lebewesen vornahmen, wirkte sich diese Einstellung deutlich auf die Stellung der Tiere aus, die nun mit der Versuchung, der Sünde oder dem Satan in Verbindung gebracht wurden. Die moderneren Exegeten haben auch eine andere mögliche Auslegung ins Spiel gebracht, nämlich jene des heiligen Franz von Assisi, der den Vögeln predigt und damit die Gebote Christi wörtlich befolgt. Die alten Kirchen des Orients haben ebenfalls Bibelversionen bewahrt, die Tiere positiver darstellen, mit der Vorstellung eines Jüngsten Gerichts für sämtliche Geschöpfe. Der heilige Petrus selbst spricht von der neuen Erde nach dem Jüngsten Gericht, ohne dabei das Fehlen von Tieren zu erwähnen. Das westliche Christentum, das die Mehrheit stellt, habe hingegen eine Vision von einem Paradies vertreten, in dem ausschliesslich Menschen und Pflanzen Platz haben, präzisiert Eric Baratay. © KEYSTONE / Georgios Kefalas Le martyre des animaux entassés dans les convois de bétail. Das Martyrium von Tieren, die bei Viehtransporten zusammengepfercht werden.

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