ENSEMBLE Nr. / N° 56 - März / Mars 2021

23 ENSEMBLE 2021 /56 —– Fokus A L T E R S Z E N T R U M S U M I A «Wie in einer Glaskugel» Das Alterszentrum Sumia in Sumiswald blieb acht Monate lang vom Coronavirus verschont. Doch Ende Oktober «über­ rollte uns das Virus einem Orkan gleich und forderte uns danach während rund sechs Wochen alles ab», heisst es im Infobulletin vom Dezember. Eine Pflegefachfrau erzählt. Von Gerlind Martin Innerhalb von drei Wochen starben im Sumia 25 Bewohnerinnen und Bewohner. «Es war wie in einer Glaskugel», blickt Salome Maurer zurück. Im Zentrum herrschte ein Riesenbetrieb, ausser­ halb stand alles still. Ihr Zeitgefühl war durcheinander. In dieser Situation hätten die Pflegenden einfach nur funktioniert. Mitte Dezember brannten vor dem Alterszentrum jeden Abend Fackeln. Im Gedenken an die Verstorbenen setzte das Heim damit ein öffentliches Zeichen. Diesen Lichterweg in die Zukunft begingen Bewohnerinnen, Angehörige und Mitarbei­ tende gemeinsam. Und im Eingangsbereich hängte Anfang Jahr ein grosses, weisses Leintuch, auf dem in roter Schrift steht: «Ihr macht das grossartig – zusammen schaffen wir das!!!» Doch Maurer sagt: «Es ist noch nicht vorbei.» Seit September leitet die 25-Jährige eine Wohngruppe mit 22 Bewohnerinnen und Bewohnern. Als Corona ausbrach, pflegten sie und ihr Team die zum Teil schwer erkrankten Bewohnerinnen und Bewohner, servierten die Mahlzeiten in den Zimmern, hal­ fen bei den alltäglichen Verrichtungen und bemühten sich, die Gesunden und Kranken emotional zu unterstützen. Viele ver­ missten ihre Angehörigen, die aus Angst, sich im Heim anzu­ stecken, weniger oft zu Besuch kamen; ebenso fehlte ihnen der Austausch mit den Freiwilligen und Zimmernachbarinnen, es gab keine gemeinsamen Mahlzeiten und Gruppenaktivitäten mehr. Im November starben zwei Bewohnerinnen und zwei Bewoh­ ner von Maurers Wohngruppe an Corona. Drei Personen in der gleichen Nacht. Eine Frau überraschend, die anderen «haben den Tod erwartet; sie waren bereit zu sterben». Maurer weiss von anderen, die gerne noch gelebt hätten. Die Begleitung der Ster­ benden sei schön gewesen, erinnert sie sich. Die Pflegenden hätten sich für sie Zeit nehmen und für die Angehörigen indivi­ duelle Besuchsmöglichkeiten finden können. «Diese schwierige Zeit und die Trauer haben uns zusammen­ geschweisst», sagt Maurer über ihr Team und Sumia. Im Rück­ blick betont sie nicht die Unsicherheit und die Überforderung, sondern das fachliche Know-how und die tatkräftige Unterstüt­ zung, auf die ihr Team zählen konnte: der Pflegeexpertin, der Trauerbegleiterin, des Seelsorgers und des Psychiaters. «Wir haben Corona gemeinsam überlebt.» heimgebliebene»; Angehörige von Verstorbenen zeichneten die Trauerfeiern auf CD oder DVD für die Abwesenden auf; andere wiederum streamten die Abdankung, damit Verwandte und Freunde via Facetime, Zoom oder Skype live mit dabei sein konnten. Digital verbunden Theologisch betrachtet, bildeten die Menschen in der Kirche und diejenigen am Bildschirm eine Trauergemeinde in einem Geist, sagt Thomas Schlag, Professor für praktische Theologie an der Uni Zürich, in einem Interview mit «reformiert.». Echte Anteilnahme sei auch am Bildschirm mög­ lich. Das erlebte Sigrun König bei der Trauerfeier für ihren an Corona verstorbenen Vater. «Ich kann das Streamen nur empfehlen», sagt die Pastorin aus Norddeutschland am Telefon, «ich hätte mich sonst so einsam gefühlt.» Berührt hat sie, dass Angehörige und Freunde sich auf diese Feier vor­ bereitet und bei sich zu Hause eine feierliche Atmosphäre geschaffen haben: viele in Trauer­ kleidung, mit Kerzen und schwarzen Bändern am Laptop. Der Pfarrer richtete sich während der Fei­ er sowohl an die Trauernden in der Kapelle als auch an jene vor den Bildschirmen. «Das hat funk­ tioniert», sagt König aufgrund von Rückmeldun­ gen, «wer zuschaute, fühlte sich angesprochen und mitgenommen.» Erinnerungen erzählen Auch in Altersheimen sind Abschiedsfeiern heute anders als vor Corona, erzählt Helen Duhm, Seel­ sorgerin im Berner Alters- und Pflegeheim Diaco­ nis. Bisher waren alle zur Feier eingeladen, Mit­ bewohnerinnen und Personal. Seit Herbst jedoch dürfen nur noch wenige Bewohnerinnen und Be­ wohner teilnehmen. So werde von vielen gar nicht bemerkt, wenn jemand gestorben sei. Auf diese «Trauerlücke» achtet die Seelsorgerin: Sie verteilt Leidzirkulare im Heim, telefoniert öfter mit Be­ kannten von Verstorbenen. Hat eine Bewohnerin den Partner verloren, fragt sie nach Kondolenz­ post: «Es tut Trauernden gut zu erzählen, wie Fa­ milie und Freunde die verstorbene Person ge­ schätzt haben.» Pfarrerin Saara Folini, die auch als Heimseel­ sorgerin für Domicil Bern arbeitet, hat nach der ersten Coronawelle das Pflegepersonal in einem von Todesfällen stark betroffenen Heim eingela­ den, das Erlebte gemeinsam aufzuarbeiten – mit Erfolg: Inzwischen hat Domicil Bern für Mitarbei­ tende das Angebot «Gemeinsam innehalten» ent­ wickelt.

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