Wort auf den Weg



«Das Auge führt den Menschen in die Welt, das Ohr führt die Welt in den Menschen ein.» 
Lorenz Oken

Sind Sie eine gute Zuhörerin, ein guter Zuhörer?

Wann haben Sie sich das letzte Mal neben eine andere Person auf eine Bank gesetzt? Sicher ist es schon einige Zeit her, denn in Pandemiezeiten geht man den Menschen lieber aus dem Weg. Auch im Zug sucht man, wenn immer machbar, die grösstmögliche Distanz zu den Mitreisenden.

Ich frage mich in letzter Zeit des Öfteren, was diese zweifellos wichtige Massnahme des Abstandhaltens zur Vermeidung von Ansteckung mit uns Menschen wohl gemacht hat und machen wird. Vertiefen wir uns in die Medienlandschaft, nehmen wir gegenwärtig eine zunehmend ernsthaftere, manchmal fast schon bedrohliche Tonart wahr. Von Spaltung der Gesellschaft und unüberbrückbaren Differenzen bis Hass und befremdlichen Szenen auf offener Strasse ist die ganze Palette enthalten. 

Haben wir möglicherweise verlernt einander zuzuhören? Zugegeben, ich habe mich schon dabei ertappt, dass ich in einem Gespräch nicht aufmerksam hingehört habe, weil ich bereits zu wissen meinte, was mein Gegenüber sagen will und weil ich mich damit beschäftigte, was ich erwidern könnte. Und sicher kenne ich auch Begegnungen, bei denen das Hören nicht gelungen ist. Zuhören, finde ich, ist eine Form der Zärtlichkeit, eine Hinwendung. Der Zuhörende nimmt das Gegenüber wahr und ernst. Wer zuhört, nimmt sich zurück und lässt dem anderen Raum. Seiner Geschichte, mit allen Höhen und Tiefen.

Auf dem ‚Zuhörbänkli‘, das diesen Monat noch im Innenhof des Berner Burgerspitals steht, hält sich stets eine freiwillige Person bereit für mögliche Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Dabei darf das Gegenüber selbst entscheiden, wie tief das Gespräch gehen soll. Es gibt sicherlich noch viele weitere gelungene Beispiele des offenen Ohrs. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie dem Bedürfnis Rechnung tragen, dass wir gehört und wahrgenommen werden wollen. Wer dauerhaft nicht gehört oder überhört wird, resigniert oder wird zornig und verschafft sich unter Umständen lautstark Gehör, möglicherweise mit unguten Mitteln. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen in Gesellschaften, in denen das Zuhören einen hohen Stellenwert hat, eine höhere Zufriedenheit aufweisen. Schliesslich erfahren wir nur im aufmerksamen Gespräch, wer um uns herum lebt. 

Vielleicht liessen sich auf diese Weise Gräben und Missverständnisse überwinden. Sich Zeit nehmen für den Nächsten, sich gemeinsam einen Augenblick hinsetzen und einen Austausch pflegen, geprägt von Offenheit und Verständnis füreinander, scheint mir ein guter Anfang. Für die Zukunft wünsche ich mir für uns alle viele ‚Zuhörbänkli‘, auf denen wir Begegnungen zulassen können. Wir werden nicht überhört, es wird nicht weggehört, sondern erst hin- und dann zugehört.

Renate Grunder